Selbstporträt

Ich wurde 1920 in einer Pariser Wohnung geboren, in die ich schließlich zurückgekehrt bin, nachdem ich mein Leben an vielen anderen Orten verbracht habe. Aber mit 93 Jahren kommen mir die fünf Stockwerke ohne Aufzug noch steiler vor als damals. Ich wurde von meiner verwitweten Mutter aufgezogen und habe meinen Vater nie kennengelernt. Meine Jugend war von großen materiellen Schwierigkeiten geprägt und meine Schulausbildung war chaotisch. Dieses Abschlusszeugnis blieb mein einziges.

Ich war elf Jahre alt, als ein denkwürdiges Ereignis eintrat. Nicht weit von meinem Zuhause hatte die Pariser Kolonialausstellung von 1931 ihre Türen geöffnet. Durch die Küchenfenster konnte ich jeden Abend den großartigen, hell erleuchteten Tempel von Angkor Wat sehen, der dort orginalgetreu nachgebildet war. Ich verbrachte die Tage damit, das Monument zu durchwandern und träumte von Abenteuern in einem Dschungel voller Tiger und Elefanten.

Doch dieser Traum sollte erst viele Jahre später Realität werden. Ich werde vom König von Kambodscha prunkvoll empfangen werden und tatsächlich Angkor erkunden. Sogar eine Tigerin werde ich mit nach Paris nehmen. Aber bis dahin galt es einigen Schwierigkeiten zu trotzen.

Auf dem Fahrrad verlasse ich 1940 mit 20 Jahren Paris. Ein Debakel. Um den Deutschen zu entkommen, verbringe ich die Besatzungszeit in den Chantiers de Jeunesse. 1943 trete ich mit dem Freikorps Pommiès in Kontakt, eine wichtige Gruppe der Resistance im Südwesten, welcher ich mich 1944 für die Rückeroberung des Landes anschließe. Ich wollte die Befreiung im Gelände und nicht im Büro erleben. Ich wurde in den Vogesen verletzt und noch mit eingebundenem Arm in die Schule der Führungskader der ersten Armee eingegliedert, von der ich dennoch als Anwärter abgehe. Gerade im rechten Moment, um in den Reihen der dritten Division der algerischen Infanterie an dem Feldzug gegen Deutschland teilzunehmen.

Aus unerklärlichen Verwaltungsgründen wurde ich 1945 in die Luftwaffe einberufen und fand mich alsbald dem Führungsstab der Region Dijon zugeordnet, wo man nicht recht weiß, was man mit mir anstellen soll. Um mich zu beschäftigen, stelle ich mir vor, den seit dem Krieg verwaisten Räumen der Fliegerclubs wieder Leben einzuhauchen. Meine Initiativen wurden von den Oberen bemerkt und so wurde ich nach Paris berufen, um das Netzwerk für die Presseoffiziere der Einheiten der Luftwaffe aufzubauen.

Im Kabinett des Verteidungsministers bin ich für alles Mögliche verantwortlich und es kommt sogar vor, dass ich gelegentlich Reden des Ministers schreibe und das Mikro für die Präsentation der Flugfeste in Bourget halte. Ich durchreise auch das französische Afrika, doch träume ich immer nur von Indochina. Manchmal leihe ich mir eine Rolleiflex aus, um Urlaubsfotos zu schießen, aber mein Gehalt bleibt gering und ich besitze nicht die Mittel, um mir einen eigenen Fotoapparat zu leisten.

1951 wurde ich endlich nach Saigon versetzt. Die Stadt befindet sich glücklicherweise nur eine Flugstunde von Angkor entfernt. Dort treffe ich natürlich auf den Krieg, aber keinesfalls den Kolonialkrieg, den einige beschrieben haben. Denn Frankreich hat akzeptiert, den Staaten Indochinas, Kambodscha, Laos und Vietnam, ihre Unabhängigkeit zuzugestehen.

bio05

Ho Chi Minh ist in Paris mit allen Ehren empfangen worden, die einem Staatschef würdig sind. Während eines Flugfestes wurde ich sogar beauftragt, ihm (vergeblich) französische Flugzeuge zu verkaufen. Aber als er in sein Land zurückkehrt, ist Moskau mit Ho Chi Minh hart ins Gericht gegangen. Die Unabhängigkeit wird nicht an einem Spieltisch verhandelt. Sie muss mit Waffen erobert werden, mit Feuer und Blut. Wie in der Französischen Revolution. Die Lektion wurde verstanden und die Zahl der Attentate in Tonkin vervielfachte sich. Es ist der Beginn des französischen Krieges in Indochina, der erst in Diên Biên Phu enden wird.

Als ich 1951 in Saigon ankomme, ist noch alles ruhig. Die Menschen in Südvietnam sind weniger politisiert als die aus dem Norden und ziehen viele Vorteile aus der französischen Anwesenheit. Meine Arbeit gestaltet sich mühelos.

Meine Erfahrung aus Paris erlaubt mir, die Pressestellen der Luftwaffe in Indochina aufzubauen, das ich deshalb von Nord nach Süd durchreise. Ich bin unter anderem damit beauftragt, eine wöchentliche Radiosendung in Saigon zu machen, die mir eine gewisse Popularität vor Ort einbringt. Dann schlägt mir General Chassin vor, in der Truppe nach einem fähigen Fotografen zu suchen, um ein Fotobuch zu illustrieren, das für das Personal der Luftwaffe bestimmt ist. Aber es ließ sich kein Kandidat finden. »Schlagen Sie sich durch, Cauchetier,« sagt er, »versuchen Sie selbst Fotos zu machen. Das sollte doch nicht so schwer sein.« Warum nicht?

Ich kaufe also eine Rolleiflex, jene Kamera, die zu dieser Zeit in Indochina von allen Kriegsberichterstattern genutzt wurde, und beginne zu fotografieren was mich umgibt. An Motiven fehlt es nicht. Ich nehme an allen großangelegten Missionen der Luftwaffe teil, einige davon waren äußerst riskant. Das Fotografieren kommt schlichtweg zu meinen zahlreichen anderen Funktionen hinzu. General de Gaulle wird mir die Auszeichnung der Ehrenlegion für die durchstandenen Gefahren verleihen. Der Krieg verschärft sich. Um noch wirksamer arbeiten zu können, lasse ich mich inmitten der befestigten Anlagen versetzen, die nach und nach von den Viet Minh Divisionen eingekreist werden: Hoa-Binh, Na-San, Diên Biên Phu, um vom Boden aus mit Fotokamera und Mikrofon zu dokumentieren, welch entscheidende Bedeutung die Luftunterstützung in den großen Operationen innehatte. Meine Fotografien der Schlacht von Na-San werden legendär und meine Radioreportage schlägt auch Wellen.

Durch Zufall entkomme ich der Katastrophe von Diên Biên Phu. Die Landebahn wurde bombadiert und war in dem Moment, als mein Flugzeug landen wollte, nicht mehr benutzbar.

Im Laufe der Jahre entdeckte ich jedoch auch mit Erstaunen den Reichtum des sozialen und kulturellen Lebens von Vietnam, Laos und Kambodscha. Ich schloss Freundschaften mit den Bauern der Reisfelder, aber auch mit denen von Norodom Sihanouk, dem König von Kambodscha, und mit Bao-Daî, dem Kaiser von Vietnam. Diese Länder, welche die Metropole gestern noch mit freundlicher Herablassung betrachtet hatte, sprühen in Wirklichkeit vor einer brodelnden, immerwährenden Energie. Wenn man die Jahrhunderte zurückgeht, erkennt man ihre blühende Geschichte und ihr erfinderisches Wesen, das dem mittelalterlichen Europa in nichts nachsteht. In jeder freien Minute fotografiere ich die Städte, die Menschen und die Landschaften, und ich horte meine Fotografien in Kisten.

bio122

Gerade als ich 1954, nach Diên Biên Phu, zum Kapitän befördert werde verlasse ich die Armee. Der Krieg ist vorbei. Ich bleibe in Indochina und versuche, eine Karriere als Fotograf zu beginnen. Mittlerweile verstehe ich ein wenig von der Fotografie, aber keineswegs die Welt der Fotografie.

Dennoch scheinen sich die Dinge anfangs gut zu entwickeln. Mein erstes Album, Ciel de Guerre en Indochine, war ein großer Erfolg. Alle 10.000 gedruckten Exemplare wurden als Abonnement verkauft. Die Rechte wurden vollständig an das Sozialwerk der Luftwaffe übergeben. Darüber hinaus sehen mich die Japaner als einen der wichtigsten Fotografen dieser Zeit, nachdem sie meine Fotos von Saigon entdecken. Die Zeitschrift Asahi Camera stellt mir 16 Seiten zur Verfügung. Eines der wichtigsten amerikanischen Museen, die Smithsonian Institution, widmet meinen Fotografien aus Vietnam eine Wanderausstellung, Faces of Vietnam, die in den ganzen USA während mehrerer Jahre gezeigt wird.

Voller Hoffnung kehre ich nach Paris zurück. Ich träume davon, Reporter bei Paris-Match zu werden und meinen neuen Beruf endlich zu erlernen. Es gelang mir, eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch zu erhalten. Also erscheine ich mit meinen veröffentlichten Alben und einem Paket mit meinen besten Fotografien. Herablassend winkt der Chef ab: „Alle Welt macht heute gute Fotos, mein Herr. Das einzige was zählt, ist, wer Sie empfiehlt.“ Ich war nicht empfehlenswert und bin gegangen.

Ich bin also nach Angkor zurückgekehrt, um zu arbeiten. 1956 habe ich dort vom Produzenten Jean-Paul Guibert ein Telegramm erhalten, in welchem er mich fragt, ob ich Fotos vom Film Mort en Fraude machen möchte, den Marcel Camus nach einem Roman meines Freundes Jean Hougron in Indochina drehen wird. Ich wurde nicht für mein potentielles Talent gefragt, sondern um die Reisekosten eines Pariser Fotografen einzusparen.

bio11So machte ich meine ersten Schritte in der Welt des Kinos, ohne zu ahnen, dass ich bald auf meine ganz eigene Art die kinematografische Revolution bebildern würde, welche die Nouvelle Vague sein wird.

Der Setfotograf ist ein Techniker, dessen Funktionen eigentlich kaum festgelegt sind. Man verlangt von ihm vor allem, am Ende einer Einstellung ein Foto vom Standort der Kamera aus zu machen und dann zügig zu verschwinden. Denn er stört jeden und ist schuld, wenn die Produktion Geld verliert, da sich für sie jede Minute rentieren muss. Aber da er derjenige ist, der lediglich auf den Knopf einer vollautomatischen Kamera drückt, bringt ihm das nur einen mittelmäßigen Lohn ein, vergleichbar mit dem eines jungen Kulissenschiebers. Darüber hinaus weiß man nicht wirklich, was man mit seinen Fotos anfängt, für die sich ja kaum jemand außer dem Skriptgirl auf der Suche nach Anschlüssen interessiert.

nouvelle-vague-bio
Nun erscheint zu dieser Zeit Jean-Luc Godard, der sich in die Dreharbeiten von A Bout de Souffle stürzt. Ein neuer Atem stellt die Welt des Kinos auf den Kopf. Zur großen Beunruhigung des Produzenten, der sich darüber empört, dass Godard seine Dialoge an einem Kaffeetisch schreibt, bevor er die Techniker nach Hause schickt, da er an diesem Morgen keine Ideen hat. Die heiligen Regeln des Kinos der Väter werden über Bord geworfen.

Tag für Tag dokumentiere ich dieses Erdbeben. Aber ich hüte mich davor, mir auf den fotografischen Erfolg, den ich in Indochina erfahren hatte, etwas einzubilden.

Ich muss ja noch alles von der Welt des Kinos lernen, in der ich ein Unbekannter bleibe. Im Übrigen störe ich. Man wirft mir unnachsichtig mein Engagement vor, meinen Stil als Bilderjäger, der zu weit entfernt ist von den Normen eines Setfotografen. Eines Tages 1961 rief man mich schließlich gar nicht erst an, um einen Kameramann zufrieden zu stellen, der einem seiner Freunde Arbeit verschaffen wollte. Nobody is perfect.

bio101Was meine Bilder betrifft, gehören diese der Produktion und bleiben für ein halbes Jahrhundert unangetastet in den Kartons. Nach den Dreharbeiten von A Bout de Souffle stellt mich Jean Seberg Romain Gary vor. Es spricht sich herum. Wir unterhalten uns ein bisschen über Film, ein wenig über Literatur und viel über die Fliegerei. Er gehörte der Luftwaffe im Mittleren Osten an, ich der fernöstlichen Luftwaffe. Wir sprechen oft über den Reiz und die Gefahren unserer jeweiligen Lufteinsätze.

Aber ich muss von Neuem Arbeit finden. Ich biete meine Dienste François Truffaut an, der mich mit offenen Armen empfängt. Ich nehme an den Dreharbeiten unvergesslicher Filme teil. Aber das Gehalt eines Setfotografen ist von den Gewerkschaften gedeckelt und bleibt so niedrig, dass ich schließlich die Filmwelt verlasse.

Der Verleger Dargaud macht mir einen Vorschlag, der mir nach den lächerlichen Löhnen beim Kino sehr einträglich vorkam: die Leitung einer Reihe von Foto-Romanen, ein sehr populäres Medium in der damaligen Zeit. Ich habe die Technik bei Hubert Serra erlernt, einem der französischen Erfinder dieser Methode. Ich kann Drehbücher schreiben, die Schauspieler auswählen und steuern, und ich kümmere mich um das Bühnenbild, bei dem ich auch das Licht selbst einstelle. Ich adaptiere Balzac, Maupassant, Zola und Tschechow.

Alles läuft wie im Kino, nur gibt es weder Kamera noch Ton. Dafür die Reflexion der Blitze, die ich gegen die Wände richte, anstatt der Scheinwerfer. Diese Beleuchtungstechnik wurde genau so bei den Dreharbeiten der Filme der Nouvelle Vague verwendet und die Kritiker, die nie in einem Fotoroman geblättert haben, haben es als genial bezeichnet.

Nach einigen Jahren geht es mir finanziell wieder besser, bis zu dem Tag als Dargaud die florierende Zeitschrift an profitgierige, belgische Verleger verkauft, die ihren Vertrieb vernachlässigen und sie innerhalb weniger Monate eingehen lassen.

Nichts hält mich mehr in Frankreich. 1967 kann ich nach Indochina zurückkehren, wo der König von Kambodscha, Norodom Sihanouk, von meinen Fotos aus dem Album Saigon angetan, mich bittet, sein Land für eine großangelegte, touristische Werbemaßnahme zu fotografieren. Alle erdenklichen Mittel werden mir zur Verfügung gestellt: Autos, Flugzeuge, Hubschrauber. Ein Traum!

Zwei Monate lang durchstreife ich ganz Kambodscha, ohne einen Tag Pause. Trotzdem werde ich ein wenig unruhig, da ich nie zuvor solche Verantwortung übernommen habe. Aber als der König meine Arbeit sieht, ist er begeistert und ehrt mich mit einer der höchsten Auszeichnungen der Khmer. Außerdem bittet er mich, eine Hochschule für Fotografie in Kambodscha aufzubauen.

bio121-1

Ich lehne dieses großartige Angebot aber ab. Ich hänge zu sehr an meiner Freiheit. Im Übrigen glaube ich, dass man die Fotografie nicht erlernen kann. Man spürt sie. Die grundlegenden Regeln kann man in wenigen Augenblicken verstehen. Alles Weitere ist eine Frage des Blicks. Claude Chabrol sagte einmal zu mir: „Alles, was man über das Filmemachen wissen muss, habe ich an einem Vormittag erlernt. Danach bin ich durch Erfahrung besser geworden.“ Bei der Fotografie ist es kaum komplizierter.

Wie dem auch sei, der König von Kambodscha lässt einen klimatisierten Safe bauen, damit ich meine Dias und Negative vor dem tropischen Klima schützen kann.

Er weiß weder von dem Staatstreich, der vorbereitet wird, noch, dass einer seiner Generäle, Lon Nol, inspiriert von der CIA, ihn 1970 während einer seiner Reisen nach Frankreich stürzen wird. Der Triumph währt nur kurz. Die Roten Khmer, die Sihanouk bis dahin in Schach gehalten hatte, überrollen Kambodscha und beginnen eine Schreckensherrschaft. 1975 besetzen sie Phnom-Penh und richten sich im Palais Royal ein. Sie finden den Safe mit den Fotografien, von dem sie glauben, dass er mit Schmuck gefüllt ist und sprengen ihn. Sein gesamter Inhalt ist verbrannt. Es blieb nichts von meinen 3000 Fotografien übrig.

1967, als ich nach getaner Arbeit nach Frankreich zurückkehrte, konnte ich dies natürlich nicht vorhersehen. Ich lege einen Zwischenstopp in Moskau ein, wo ich mich entscheide, eine Woche als einfacher Tourist zu verbringen. Aber wie immer passiert etwas Unerwartetes. Eine Kette geradezu unglaublicher Ereignisse erlaubt mir in einer recht stark überwachten Ausstellung die geheimen Raketen der sowjetischen Korolev in Großaufnahme zu fotografieren, bevor sie zu ihrer Abschussstation in Baïkonour gelangten. Unglaublicherweise läuft alles gut, außer dass mich am nächsten Tag die russische Polizei am Flughafen aufhält. Ich sah mich schon im Gulag oder noch Schlimmeres.

Nachdem ich zwei Stunden in einem dunklen Moskauer Büro festgehalten wurde, lässt man mich ohne die geringste Erklärung frei. In meinen Taschen befinden sich noch immer die Rollen der kompromittierenden Filme. Ich kann also in aller Ruhe das Flugzeug nach Paris nehmen. Ich werde später versuchen, mir den Vorfall zu erklären, der nichtsdestotrotz undurchsichtig bleibt.

Meine Fotos enthüllten sicherlich nicht die Geheimnisse der sowjetischen Raumfahrttechnik, aber Breschnew war an der Macht und der Kalte Krieg auf seinem Höhepunkt. Es wäre wohl möglich gewesen, dass die Sowjets meine leichtsinnige Neugier nur wenig schätzten. Aber das Glück war an diesem Tag abermals auf meiner Seite.

In Paris biete ich meine Fotos Paris-Match an, die sie für einen Scherz halten und nicht einmal darauf antworten. Die anderen Magazine ignorieren mich auch und so ist es letztendlich eine kleine Zeitung für Jugendliche namens J2, die die Rakete auf der Titelseite veröffentlicht.

Ansonsten glaubte mir das heute immer noch niemand.

Zu dieser Zeit beauftragt mich der Verlag Rizzoli mit einer Reihe von Reportagen im Rahmen einer Serie, die den großen Monumenten der Welt gewidmet war. Ich durchquere Europa und den Mittleren Osten und entdecke auf meiner Reise einige überraschende Kirchenverzierungen. Diese lenkten meine Aufmerksamkeit auf romanische Bildhauereien, die mir bis dahin unbekannt waren und welchen ich später zwei Jahrzehnte meines Lebens widmen werde. Ich fotografiere auch die Altstadt von Damaskus, die Ruinen von Palmyra und vor allem die Kloster auf dem Berg Athos, wo ich eine Woche verbringe und die schmalen Pfade zu Fuß erkunde – eine außergewöhnliche Halbinsel ganz ohne Straßen.

1992 stellt ein völlig unerwartetes Ereignis von beachtlicher Bedeutung mein Leben auf den Kopf. Ein Gesetz zum Schutz des geistigen Eigentums wurde erlassen, welches zur Folge hat, dass die Setfotografen die Rechte an den Fotos erhalten, die sie als Angestellte gemacht haben.

Ich bin ein wenig misstrauisch und beanspruche lediglich die Rechte an meinen Reportage-Fotos. Außerdem schlage ich den Produzenten vor, dass ich ihnen die Rechte an den Setfotos im Tausch gegen die Herausgabe der Negative dieser sehr persönlichen Fotos überlasse, welche noch immer in ihrem Besitz waren, was im Übrigen gänzlich unrechtmäßig war.

Nun geschah etwas völlig unvorhergesehenes. Man stellt fest, dass es nicht die typischen Setfotos waren, die am meisten zum Ruhm bestimmter Filme beigetragen haben, sondern meine Fotos, die außerhalb der Dreharbeiten entstanden waren. Und die Produzenten verweigern vehement, sich von den Fotos zu trennen. Eine bemerkenswerte Ausnahme stellt die Produktionsfirma Les Films du Carrosse (François Truffaut – Madeleine Morgenstern) dar, deren Verhalten stets vorbildlich war.

Da kein Gesetz genau beschreibt, wer Eigentümer dieser Negative ist, obwohl die Rechte den Fotografen gehören, behalten sie die Produktionsfirmen wie Geiseln, ohne sie wirklich nutzen zu können. Sie ziehen es vor vorzugeben, dass die Negative verloren gegangen sind und warten auf bessere Tage. Aber Indochina ist noch immer lebendig.
Zu Beginn der 2000er Jahre bemerkt Nicolas Warnery, der französische Konsul in Saigon (heute Ho Chi Minh Stadt), dass die Luftaufnahmen der Stadt, die sich in meinem Album Saigon befinden, eine interessante und überraschende Ansicht der urbanen Landschaft der 1950er Jahre zeigen. Er ruft mich in Paris an, um zu fragen, ob ich immer noch über diese Fotos verfüge. Zufällig habe ich davon einen ganzen Karton aufgehoben. Die Fotos waren im Übrigen ohne jeglichen Anspruch auf dem Rückweg der verschiedenen Missionen aufgenommen, durch die offene Tür einer Dakota-Maschine. Heute sind diese Bilder aus der Vergangenheit einer großen Stadt nicht mehr wegzudenken. Im Jahr 2005 hängen meine Bilder in der Ausstellung Saigon 1955/Ho Chi Minh Stadt 2005 direkt neben jenen erst kürzlich von der vietnamiesischen Luftwaffe aufgenommenen.

Die Ausstellung war in einem Park mitten im Zentrum der Stadt zu sehen und blieb für die Öffentlichkeit drei Monate lang Tag und Nacht zugänglich. Der Eintritt war frei. Die ganze Stadt ging an diesen Bildern vorbei, die Schulkinder wurden von ihren Lehrern begleitet. Die Presse schätzt, dass mehr als eine Million Besucher sie gesehen haben. Und ich sollte im Rahmen einer Zeremonie von meinen einstigen Feinden, die mich heute wertschätzen, ausgezeichnet werden.

Im Laufe der folgenden Jahre setze ich meine Archäologen-Mütze, die ich zum ersten Mal in Angkor benutzt habe, wieder auf – unterstützt durch die Tatsache, dass ich seit 1960 Mitglied der französischen Gesellschaft für Archäologie bin. Seitdem verbringe ich zwei Monate im Jahr mit Reisen duch ganz Europa, um mit der unendlich kostbaren Hilfe von Kaoru, meiner japanischen Ehefrau, die wichtigsten romanischen Skulpturen von Norwegen bis Sizilien, von Irland bis Polen, zu fotografieren. Ich habe mehr als 30.000 Fotos von Abteien und romanischen Kathedralen erstellt, aber auch von bescheidenen Dorfkirchen oder sogar Weilern, von denen gleichwohl einige authentische Meisterwerke beherbergen, die zum Großteil aus dem 12. Jahrhundert stammen. Die Bedingungen der Aufnahmen waren teilweise sehr schwierig, doch diese Erkundungen haben mir erlaubt, einige denkwürdige Entdeckungen zu machen.

Da dieser Teil unseres wertvollen kulturellen Erbes nur wenigen Spezialisten bekannt ist, wird die Entdeckung dieser Fotos sicherlich eine Offenbarung für die breite Öffentlichkeit sein. Und ganz besonders auch für die Universitäten in der ganzen Welt, die über die neuesten Farbbilder dieses Teils unseres mittelalterlichen Kulturerbes enttäuscht sind.

Zusammenfassend stelle ich fest, dass ich einen Teil meines Lebens damit verbracht habe, das zu fotografieren, was mir gefiel, ohne mich darum zu kümmern, ob meine Arbeiten rentabel sein können, was sehr leichtsinnig war.

Aber ich bereue es nicht. Ich habe frei gelebt, was unbezahlbar ist.

Raymond Cauchetier
Paris, Juni 2013

Übersetzung: Anne Heimerl und Tom Ullrich

RAYMOND CAUCHETIER AT HYMAN GALLERY